Nicht, dass es das erste Mal wäre, dass ich so meine liebe Not habe, in Hamburger Supermärkten dies und jenes zu besorgen, aber man kann gar nicht oft genug auf den City Netto schimpfen! Es scheint so eine Art ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass Bioeier grundsätzlich ab Donnerstag ausverkauft sind. Glück für die Hausfrauen, die Dienstagsmorgens gemütlich durch den Laden bummeln, Pech für Büromenschen wie mich, die sich am Wochenende an leeren Regalen vorbeischieben, wenn sie nicht wochentags nach der Arbeit im Dunkeln noch zum Laden flitzen wollen.
Auf der anderen Seite: Man kann Netto wahrlich nicht vorwerfen, übermäßig viele Nahrungsmittel wegzuwerfen. Gut so, denn es wird schon viel zu viel weggeworfen: allein in Deutschland 20 Millionen Tonnen im Jahr. Das ist die Hälfte der angebotenen Ware! Die Produktionskosten für das, was nicht verkauft werden kann, müssen mitbezahlt werden. Ganz simple Ökonomie: Die Relation zwischen Angebot und Nachfrage bestimmt den Preis der Ware. Wegwerfen verknappt das Angebot, die Lebensmittelpreise steigen und somit entstehen auch höhere Weltmarktpreise. Die wiederum können Menschen in ärmeren Ländern sich nicht leisten. Der Preis für all die Ausschussware, die in unseren Müllverbrennungsanlagen landet, ist daher größerer Hunger in der Welt. Diesen Hunger könnte man bereits mit der Hälfte von dem, was in Europa weggeworfen wird, stillen. Der Rest müsste gar nicht mehr produziert werden. Das heißt auf den Flächen, die zur Produktion genutzt werden, hätte z. B. der Regenwald, der dort abgeholzt wurde, um fruchtbares Ackerland zu erhalten, stehen bleiben können. Das wäre gleich doppelt gut fürs Klima: Die Regenwaldbäume gäben Sauerstoff ab und in den Müllverbrennungsanlagen würde nicht wie gegenwärtig durch die Verbrennung von Lebensmitteln CO2 freigesetzt. Ist das nicht viel wichtiger als sonntägliche Frühstückseier?
Huldigt dem Gerstensaft!
In einer Weltstadt wie Hamburg kommt es häufiger mal vor, dass man mit Reisenden aus anderen Ländern ins Gespräch kommt. Und auch auf meinen eigenen Reisen in die verschiedensten Teile der Welt habe ich Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern getroffen. Und fast jeder fragte mich, ob ich denn dieses Jahr wieder aufs Oktoberfest ginge. So, als würden alle 82 Millionen Deutschen (nun gut, von den Kindern mal abgesehen) dort alljährlich beisammensitzen und gemeinsam Bier trinken. Tatsächlich ist es nicht einmal ein Zehntel der deutschen Bevölkerung, das sich bei überteuertem Bier auf der Wiesn vergnügt. Bei Weitem nicht, denn unter den sieben Millionen Besuchern sind schließlich auch viele Gäste aus dem Ausland! Ich persönlich kann dem Oktoberfest nichts abgewinnen: Tracht für mehrere Hundert Euro tragen, neun Euro für einen Liter Bier hinblättern, das schal ist, bevor man es ausgetrunken hat und dann all die Betrunkenen. Es reizt mich nicht besonders, auszuprobieren, ob der Nerv-Faktor auf dem Oktoberfest den einer U- oder S-Bahn in St.Pauli nachts um vier überschreitet.
Doch so lästig die Fragen noch dem gehypten Volksfest auch sind, so zeigen sie dennoch, wie berühmt wir Deutschen für unser Bier sind. Bier ist fest in der deutschen Tradition verwurzelt, und wenn ich ehrlich bin, bin ich auch sehr stolz auf unser Reinheitsgebot, das weltweit geschätzt wird. Zwar wird hierzulande nicht das meiste Bier hergestellt, doch die Qualität ist weltbekannt. Die Fakten sprechen für sich: In China, dem bevölkerungsreichsten Land der Erde wird das meiste Bier produziert. Das überrascht zunächst nicht sonderlich. Doch die größte Brauerei des Landes wurde vor über 100 Jahren von Deutschen gegründet. Noch heute wird das Bier der Tsingtao-Brauerei in der ehemaligen deutschen Kolonie Qingdao an der chinesischen Ostküste nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut.
In diesem Sinne: Prost!
Bahn (alkohol) frei!
Seit einigen Tagen gilt nun das Alkoholverbot im HVV (Hamburger Verkehrsverbund). Wer in den Bussen und Bahnen dennoch Alkohol trinkt, muss mit einem Bußgeld von 40 Euro rechnen.
Am letzten Abend vor Inkrafttreten des Verbots wollten etwa 11.000 Jugendliche, die sich über Facebook organisiert hatten, trinkend gegen das Alkoholverbot protestieren. Zum Feiern (und Randalieren) erschienen jedoch schließlich lediglich 1.000 junge Leute. Diese Zahlen bestätigen die zuvor erhobenen Umfragewerte: 86 Prozent der Hamburger befürworten das Alkoholverbot. Bei 1,8 Mio. Einwohnern macht das 250.000 Verbotsgegner. Den meisten von ihnen erschien es jedoch vermutlich unangebracht, sich daneben zu benehmen und dies als Form des Protests zu etikettieren. Nicht so den Jungen Liberalen (JuLis): Zwar sah man die Mitglieder der Jugendorganisation der FDP anders als andere Partywütige keine Sachbeschädigungen begehen oder spaßeshalber Notbremsen ziehen, doch angetrunken Politik machen zu wollen, ist in meinen Augen peinlich genug.
Ich jedenfalls kann auf zwei Dinge gut verzichten: Erstens in eine Bahn zu steigen, beim Anfahren einen unangenehmen Geruch zu bemerken und dann hinter dem nächsten Sitz Kotze als Ursache auszumachen, um anschließend beim nächstmöglichen Halt schnellstens den Wagen zu wechseln. Zweitens hasse ich den säuerlichen Geruch von abgestandenem Bier. Klar werden diese Geruchsbelästigungen in Zukunft nicht verschwinden, denn auch stockbesoffen darf man natürlich völlig zu Recht auch weiterhin mitfahren, aber ich hoffe dennoch, dass alkoholbedingter Gestank jeglicher Art künftig seltener vorkommt. Auch wichtig: Vor allem tagsüber, wenn Kinder in der Bahn sind, sollten Erwachsene sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. Erst vorgestern sah ich in der U2 eine etwa Zwölfjährige in Begleitung ihres Vaters. Sie trug ein zu groß geratenes T-Shirt, auf dem zu lesen war: „Halb besoffen ist rausgeschmissenes Geld“. Ohne Worte.
Vor dem langen, letzten sonnigen Wochenende musste ich schnell noch ein paar überlebenswichtige Lebensmittel kaufen: Grillfleisch, Kaffee und Joghurt. Ohne ein Mindestmaß an koffeinhaltiger Flüssigkeit und ein Müsli mit Joghurt bin ich nicht einsatzfähig. Wahrscheinlich würde ich nicht mal die U-Bahn finden, um zur Arbeit zu fahren. Na gut, zur Arbeit muss ich am Wochenende natürlich nicht, aber das senkt in keiner Weise den Wichtigkeitsgrad von Kaffee und Joghurtmüsli.
So stapfte ich also kurz vor Einbruch der Dunkelheit zum Netto City meines Vertrauens. Während ich meine übliche Runde durch den Laden drehte, hatte ich zwangsläufig einen etwas längeren Aufenthalt bei den Bio-Milchprodukten. Bei den Lassis – nein keine Hunde, sondern so ein seltsames Joghurtdrink-Zeug für meine Freundin – schien es nur noch Himbeergeschmack zu geben. Dabei trinkt sie doch nur Mango-Lassis. Ganz hinten konnte ich glücklicherweise noch einen allerletzten entdecken. Weiter ging´s. Nur noch mal eben kurz gefühlte 18 Minuten an der Kasse warten.
Zuhause angekommen brachte ich den wertvollen Inhalt meiner Einkaufstasche im Kühlschrank unter. Ja auch den Kaffee – echte Kenner wissen, dass eine dicht verschlossene Packung bei 4 Grad Celsius das Aroma am besten bewahrt. Dann der Schock: Wegen des Lassi-Zwischenfalls hatte ich nun meinen unentbehrlichen Naturjoghurt vergessen. Naja, erstmal kurz aufs Sofa – der Netto hatte ja noch bis zehn auf. Diese Entscheidung sollte ich bald bitter bereuen, denn als ich zurückkehrte waren mehr Menschen als Lebensmittel im kleinen Netto City. Und, was noch viel schlimmer war: kein Bio-Joghurt mehr. Falls ich dennoch überleben sollte, auf bald!
Just another freak show
Als hätten wir noch nicht genug niveaulose TV-Formate: Aktuell strahlt RTL die x-te Staffel der Sendung „Schwiegertochter gesucht“ aus. Hierbei wird für den Zuschauer Fremdschämen zur Extremsportart, wenn Maiks Plauze beim Tanzen ständig unter dem Hemd hervorschaut oder Marco bei der Massage unbeholfen auf Nicoles Rücken hockend herumrutscht, um sein Gleichgewicht wiederzufinden.
Man mag gar nicht hinschauen, wenn Joan Christian das Küssen beibringt. Und hinhören, was die potenziellen Schwiegertöchter und die von ihnen umworbenen Männer so von sich geben, mag will erst recht nicht. Da wird gern mal eine Woche nach dem ersten Treffen „Ich liebe dich“ gehaucht oder übers Zusammenziehen nachgedacht. Besonders beliebt ist es unter den Kandidatinnen auch, ihren Angebeteten recht schmeichelhaft zu eröffnen, hübsche Männer wären prinzipiell ganz schrecklich. Die armen Männer können sich nach diesen Äußerungen still überlegen, in welcher Kategorie sie sich sehen: attraktiv und unbrauchbar oder hässlich aber dafür würdig, eine Beziehung mit der betreffenden Dame einzugehen. Beides wenig erstrebenswert.
Hutträgerin Claudia mit der weinerlichen Stimme verkündet, ihr Partner dürfe ruhig „ins Puff“ gehen und Sabrina, die auch im Haus stets ihre Touri-Bauchtasche dabei hat, rastet komplett aus, weil Marco und Nicole in ein und demselben Raum übernachten – auf getrennten Sofas wohlgemerkt. Ein grober Verstoß gegen ihr moralisches Empfinden und somit Grund genug für lange Monologe, in denen sie wie immer mit Vorliebe von sich selbst in der dritten Person spricht. Und Nicole? Die knutscht hingebungsvoll mit Marco, nachdem dieser ihr wenige Tage zuvor noch freimütig berichtet hatte, er sei hinsichtlich ihres Erscheinungsbildes zunächst „geschockt“ gewesen. Es kann nun mal leider nicht jeder eine so modische Streifenhörnchenfrisur tragen wie Trendsetter Marco.
Obwohl möglicherweise einige Männer ihre Herzdamen im Laufe der Show finden, gibt es nur Verlierer in dieser Show, denn ihre Würde haben die TeilnehmerInnen dadurch leider verloren.
Schäubles Schäfchen auf Abwegen
Nach all dem Stress, den ich in letzter Zeit hatte, kam der rettende Urlaub gerade noch rechtzeitig. Eine Woche Sonne, Strand und Erholung pur. Keine Gedanken an die Arbeit, keine Anrufe, kein Internet. Normalerweise checke ich meine Mails etwa fünf- bis sechsmal täglich und nehme quasi rund um die Uhr Anrufe entgegen. Die modernen Kommunikationsformen haben dafür gesorgt, dass wir permanent erreichbar sind. E-Mails und gewöhnliche Anrufe sind da noch absolut harmlos. Aber im Laufe der Zeit trieb das Internet Blüten wie ICQ, Twitter und Facebook, sodass man meist mit sämtlichen Bekannten in Kontakt steht. So wurde neben dem Job auch das Privatleben zunehmend zu einer Unruhe- oder gar Stressquelle. Smartphones wurden auf den Markt geworfen, sodass nun mit hundertprozentiger Sicherheit jeder dabei sein kann, wohin man auch geht. Man ist nie allein.
Klar, wenn man wollte, könnte man. Aber…Offline gehen? Das Handy ausschalten oder gar zuhause lassen? Undenkbar! Schließlich könnte man etwas verpassen, während es alle anderen mitbekommen. Heutzutage bekommt schließlich jeder alles mit, weil im Sekundentakt gemailt, gesimst und gepostet wird. Besonders gute Freunde – oder eifersüchtige Pärchen – lassen sich sogar rund um die Uhr gegenseitig von einer App orten. Et voilà – Schäubles Überwachungsstaat wächst und gedeiht! Und wir, wir gießen und düngen fleißig.
Nun habe ich eine Woche gefastet hinsichtlich jeglicher elektronischer Kommunikation. War gar nicht so schlimm, wie ich dachte. Und ich bin wunderbar erholt. Was ich verpasst habe? Viel Spam im Posteingang meiner Mail-Accounts vor allem. Außerdem verkündete Christian per Facebook, er esse gerade Kartoffelsalat. Drei Leuten gefiel das. Et cetera, et cetera…ganz geheilt bin ich jedoch noch nicht, dann ich werde jetzt diesen Blogeintrag twittern.
Papierberge und Ponyfransen
Im Moment arbeite ich quasi Tag und Nacht – verdammter Bürojob. Ich habe das Gefühl die To-do-Liste wird überhaupt nicht kürzer sondern immer länger und die Papierstapel auf meinem Schreibtisch wachsen, statt zu schrumpfen. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen.
Normalerweise lindert meine Freundin in solchen Momenten die Frustration, indem sie mir hin und wieder eine Tasse Kakao hinstellt. Weil Schokolade glücklich macht und weil man von meinem aktuellen Grundnahrungsmittel Kaffee allein nicht leben kann, wie sie sagt. Doch an diesem Wochenende war sie zu nichts zu gebrauchen: Beim Friseur hatte man ihr freitagabends den Pony verschnitten und auch sonst war die Länge ungleichmäßig geworden. Als ihr dies nach dem Waschen zuhause auffiel, war sie felsenfest davon überzeugt, entstellt zu sein. Also musste ich uns beide mit Kakao versorgen, ihr gut zureden und sie heute zwecks Korrektur zum Friseur begleiten. Damit sie nicht nochmals bezahlen musste, machte sich dieselbe Friseurin, die Freitag die Haare „ruiniert“ hatte, ans Werk, während meine Freundin mit panischem Gesichtsausdruck und Schweißperlen auf der Stirn auf dem Stuhl hockte.
Als es schließlich überstanden war, strahlte meine bessere Hälfte vor Glück: Angeblich fielen ihre Haare besser als je zuvor. Ich sah zwar kaum einen Unterschied, nickte aber anerkennend. Scheint so, als wäre die Friseurin ziemlich gut in ihrem Job – die Qualität des ersten Haarschnitts muss wohl eher motivationsbedingt gewesen sein. Nun geht alles wieder seinen gewohnten Gang: Haarschnitt gut, Frau glücklich, Mann kann weiterarbeiten, während Frau nun wieder in der Lage ist, die Kakaozubereitung zu übernehmen. Na dann, frohes Schaffen!
Der Tag der toten Fliege
Der Tag begann mit einer Schüssel Müsli. Doch als ich den Kühlschrank öffnete, war keine Milch mehr da. Verstimmt schmierte ich mir stattdessen ein Toast. Dabei bin ich doch ohnehin schon ein Morgenmuffel. Bevor ich nach dem Frühstück das Haus verließ, warf ich noch einen prüfenden Blick in den Spiegel. Als ich aufsah, fiel mein Blick direkt auf die Nachbarin von gegenüber, die mich soeben dabei beobachtet hatte, wie ich einen Mitesser ausdrückte. Neugieriges Völkchen, diese älteren Damen. Meine Mutter hört und sieht auch immer alles und tratscht anschließend mit Vorliebe über die gesamte Nachbarschaft.
Auf der Arbeit hatte ich noch nicht einmal das Textbearbeitungsprogramm geöffnet, als eine Fliege von der Gardine direkt auf meine Tastatur fiel. Sie zuckte noch ein paar Mal, dann bewegte sie sich nicht mehr. „Was fällt diesem Mistvieh ein, hier genau vor meinen Augen zu sterben?“, hörte ich Fettes Brot fragen und starrte die Fliege verstört an. Der Tag der toten Fliege. Erinnert mich an den deutschen Titel von „About a Boy“. Der lautet nämlich „Der Tag der toten Ente“. Nun, da lag sie, die Fliege. Da hatten wir den Salat. Keine Milch, dafür eine neugierige Nachbarin und eine tote Fliege auf meiner Tastatur. Wieso hatte man überhaupt den Salat und nicht die Wurst oder den Milchreis? Nachdem ich ausgiebig darüber sinniert hatte, begrub ich die Fliege äußerst unwürdig im Papierkorb und arbeitete weiter. Als ich nach Hause kam, stand noch die Schüssel mit dem trockenen Müsli auf dem Küchentisch. Da hatten wir das Müsli.
Otakus (jap.Freaks) reloaded
Manga-Anime-Geplappere – man ist nirgends davor sicher. Als wäre es nicht genug, sich während der U-Bahn-Fahrten ständig anzuhören welcher Vierzehnjährige bei welchem Computerspiel gerade in welchem Level ist, wer welche Pokemonkarte besitzt und wen Songoku gestern im Fernsehen besiegt hat. Nein, auch beim Radfahren wurde ich kürzlich mit Dingen belästigt, von denen ich gar nichts wissen wollte:
Geplant war eine Radtour vor den Toren Hamburgs. Selig radelte ich durch die friedliche Natur, um ein wenig den Kopf freizubekommen, als sich hinter mir zwei Jungen auf ihren Rädern näherten. Der Ältere belehrte den Jüngeren lautstark über sämtliche Anime-Playstationspiele dieser Welt. Da sie immer näher kamen, wartete ich sehnlichst auf den Moment, in dem sie mich endlich überholten, doch irgendwann blieben die Stimmen in einer gleich bleibenden Entfernung hinter mir, sodass ich die Unterhaltung bestens verfolgen konnte. Danke dafür. Also legte ich einen Zahn zu. Für kurze Zeit half das, doch auch die beiden Jungs erhöhten das Tempo, sodass ich sie weiterhin deutlich verstehen konnte. Ich musste die Strategie wechseln. Daher fuhr ich übertrieben langsam, das Risiko in Kauf nehmend, dass sie mich für einen Angeber hielten, der sein rasantes Tempo nicht halten konnte und erschöpft aufgeben musste. Und endlich, endlich! Sie überholten und waren schon bald außer Hörweite.
Ich blieb allein zurück und fragte mich: Warum reduzieren Jugendliche die japanische Kultur auf Mangas? Ich erwarte nicht, dass Sechzehnjährige Origami falten, sich mit Kalligrafie befassen oder Teezeremonien abhalten. Aber warum nicht Karate oder Judo statt immer nur Mattscheibe und quäkende Stimmen? Kein Wunder, dass acht Prozent der deutschen Kinder mittlerweile übergewichtig sind. Hinzu kommt, dass vier von fünf Kindern in Deutschland mangelhafte motorische Fähigkeiten haben – fast dreimal so viele wie noch vor zwanzig Jahren.
Übrigens, was viele nicht wissen: Auch Heidi und der Ziegenpeter, deren Geschichten auf einer Alm in der Schweiz spielen, stammen aus Japan. Jedoch senkt die Tatsache, dass in diesem Anime aus den Siebziger Jahren noch vergleichsweise wenig gekreischt und noch weniger gekämpft wird, den Nervfaktor ganz erheblich. Dankbar bin ich jedoch vor allem dafür, dass es keine Heidi-Computerspiele gibt, über die stundenlang geplappert werden kann.
Nichts zu verlieren!
Die Aktienkurse purzeln. Per Pseudo-Liveticker kann man über alle großen Nachrichtenportale im Internet alle paar Minuten eine neue Meldung lesen. Zusammengefasst ergibt sich manchmal eine etwas verwirrende Nachrichtenlage. Ein Online-Portal eines bekannten neoliberalen Hamburger Verlagshauses lässt verlauten „DAX erholt sich von herben Verlusten“, während ein anderes neoliberales Online-News-Portal titelt „DAX befindet sich im freien Fall. Größter Kursverlust seit 2009, Lehmann, 1990, dem Zweiten Weltkrieg…“
Bei diesem DesInformations-Overkill kann jeder seinen persönlichen Katastrophenvoyeurismus befriedigen, das unwillkürliche Nicht-Weggucken-Können angesichts des gähnenden Abgrunds. Die oft geheimnisvoll verschleierten Finanzmärkte exhibitionieren sich und lassen tief in ihr verruchtes Inneres blicken.
Was aber bleibt, blendet man den obligatorischen Medienhype aus (wenigstens keine Probleme mit dem Sommerloch dieses Jahr, aber wie auch: kein Sommer – kein Loch), ist die diffuse Angst vieler Menschen, diesmal selbst betroffen zu sein. Entweder direkt oder durch die möglichen Folgen.
Ich kenne Menschen, die vor zehn Jahren, als die New-Economy-Blase platzte und 160 Mrd. Euro privates Geldvermögen mitnahm, einen stolzen Anteil ihres Geldes, der Unterstützung bedürftiger Firmen wie Telekom oder Infineon schenkten, ihren fundamentalen Glauben an die unergründlichen Wege der Börse und an den Sparkassenberater als ihren Apostel jedoch niemals wirklich verloren. Diese Menschen haben jetzt – völlig zu Recht – Angst um ihre Altersvorsorge oder nur um das zukünftige Auto.
Nun ist also mal wieder die Zeit gekommen, da die Aktienmärkte Geld vernichten. Ob das Geld aber wirklich verschwindet oder Ansprüche an den – im besten Fall – real dahinter stehenden Werten nur ihren Besitzer wechseln, dass durchschaut man nicht, man ist ja schließlich kein Finanzexperte, man hat ja im Regelfall noch nicht mal Aktien. Dass Geld von unten nach oben fließt, ist rein physikalisch gar nicht möglich – vorausgesetzt Geld hat eine höhere Dichte als Luft.
