Nüchtern betrachtet
Heimweg. Feierabendzeit. U-Bahn überfüllt wie immer. Na gut, dann eben neben der Tür stehen. An der Scheibe kleben noch Reste von Erbrochenem. Aussteigen. Unten am Treppenaufgang sitzt eine Frau auf den Stufen und raucht die Kippen zu Ende, die fremde Menschen ausgetreten haben. Ihre Hände sind ganz schwarz. Sie hustet rasselnd, während all die Büromenschen an ihr vorbeiströmen.
An der Ampel stehen zwei Typen neben mir. Der eine erzählt irgendwas Abgefahrenes, der andere hört gar nicht zu und stößt plötzlich lachend hervor „Man, diese Mischung von Zeug lässt mich irgendwie alles sagen, was ich denke.“ Daraufhin brechen beide in irres Gelächter aus.
Ich hebe Geld ab, gehe einkaufen. Während ich an der Kasse Berge von Obst und was man sonst vorm Wochenende so kauft aufs Band stapele, stürmt ein sichtlich angetrunkener Mann in den Laden und murrt nach einem Blick zur Warteschlange, die aus dem Herrn vor mir sowie mir selbst besteht: „Och Mann, ich wollt doch nur ein Bier kaufen!“ Der gute Mann scheint so seine eignen Vorstellungen von Maßstäben zu haben, denn nachdem er sich „ein Bier“, in diesem Fall einen Sechserpack desselben, geschnappt hat, stellt er sich in der unglaublich langen Schlange hinter mir an. Nicht ohne sofort zu murmeln zu beginnen: „Jetzt dauert das wieder, och nää… .“
Zunächst beschließe ich, ihn auf keinen Fall vorzulassen, zur Strafe für diese freche Art, sein Anliegen vorzubringen. Doch dann kommt mir der Gedanke, dass das Leben es wohl nicht allzu gut mit ihm gemeint hat und er zudem wahrscheinlich zu betrunken ist, um auf Umgangsformen zu achten. Ich lasse ihn vor. Er strahlt über das ganze Gesicht, brabbelt wie ein Kind vor sich hin, dass er sich nun auch ganz doll beeilen werde mit dem Bezahlen, wo ich ihm doch so nett den Vortritt gelassen hätte. Im Gehen wünscht er mir „von ganzen Herzen“ ein schönes Wochenende. Ich stecke meine Zartbitterschokolade ein – irgendwie brauchen wir alle unsere Drogen.

Comments are closed.