Ent-täuscht?
Mal etwas Persönliches: Schon in der Kindheit wird jeder Mensch zum ersten Mal enttäuscht. Zumeist sind es die Eltern, die irgendetwas versprochen haben und ihr Versprechen dann nicht halten (können). Die Enttäuschung war bei mir grenzenlos und endete mit vielen Tränen, als Papa plötzlich doch auf meinem Geburtstag arbeiten musste. Er hatte keine Zeit für die angekündigte Geburtstagsparty im Schwimmbad.
Auch die erste große Liebe endet oft enttäuschend, wenn die rosarote Brille fort und der Alltag eingekehrt ist. Dann kommen Fragen auf wie: “War diese Frau eigentlich schon immer so egoistisch?” oder “Warum redet sie ständig nur über dieselben Themen?”
Ein Bekannter von mir erhoffte sich ein besseres Vorwärtskommen im Job inklusive der damit verbundenen Gehaltserhöhung – und dann hat ein anderer seine angestrebte Stellung erhalten. Der Traum war geplatzt, der Mann blieb mit Wut und Ent-täuschung zurück. Ja, ich schreibe absichtlich Ent-täuschung. Denn als mir der erwähnte Bekannte von seinem Misserfolg erzählte, da ging mir zum ersten Mal auf, was sich eigentlich hinter all den Ent-täuschungen verbirgt: Eine Täuschung wird von uns genommen, wir haben uns zuvor ge-täuscht.
Die Eltern eines Kindes sind eben nicht unfehlbar, sie sind an viele äußere Umstände gebunden, die Kinderherz nicht ermessen können. Und, ja, die erste große Liebe war von Anfang an eine selbstbezogene Frau, doch im anfänglichen Überschwang hat der junge Verliebte das nicht wahrgenommen. Die angestrebte Karriere ist in dem erträumten Moment eben nicht “dran”. Der Chef hatte schon Wochen vor der Bekanntmachung den älteren Kollegen aus demselben Büro dafür ausgesucht.
Den Blick auf die eigentliche Realität zu erlangen, der von meinen Gedanken zuvor verstellt war, kann ich nun als etwas Positives betrachten. Das dämpft ein Stück weit die Wut bei der nächsten Ent-täuschung.
